Montag, 8. Juli 2019




.
Das Dirndl
Kurzgeschichte


Jetzt guck halt net so neidisch. Ohne Brust sieht das sowieso nix aus, Du Hungerhaken. Gönn Dir mal was richtiges zum Essen.
Manchmal könnt ich aus der Haut fahren, aber wie? Ich bin in diesem blöden Dirndl gefangen. Wie lange noch? Auf Ewig? Fegefeuer im Dirndl, na Bravo.
Wie genau ich hier rein gekommen bin, weiß ich gar nicht genau. Zumal ich dieses Modell damals, bei meinem Sturz, gar nicht getragen hatte. Da hab ich schon lange nicht mehr reingepasst, Größe 36, ha, ein Wunschgedanke. Wenn Du mit Mitte-Ende 60 noch Größe 36 hast, siehst Du im Gesicht aus wie eine Backpflaume, Rosinengesicht. Der Rest des Körpers mutiert zu einem Plisseepanzer, net werklisch schee. Also besser ein paar Kilo mehr.
Wenn nicht viel los ist, hier am Touristenmuseum in Limone, grüble ich immer, wie das alles hat passieren können. Seit 4 Jahren bin ich hier, gefangen in einem super sexy Dirndl und ausgestellt in der Abteilung ,, deutsche Touristen “.

Wie alles begann:
Ich bin 1953 in einem  Drecksnest in  Hessen geboren. Meine Eltern hatten nach dem Krieg die Ärmel aufgekrempelt und das Wirtschaftswunder gelebt.  Mein Vater war Angestellter bei einem aufstrebenden Familienbetrieb, die Möbel hergestellt haben. Damals gab es noch keinen Poco oder XXL, oder Segmüller, da wo das Möbel haust. Meine Mutter war, zum Ärger meines Vaters, auch halbtags arbeiten, in einem Kaufhaus. Ich hatte die Großeltern in der Nachbarschaft, die mich tagsüber betreut haben. Mein Opa war ein verrückter Kerl, mit immer neuem Blödsinn im Kopf. Meine Oma war eine echte Oma, immer in Kittelschürze. Am Herd, am Waschzuber, am Bügelbrett, im Gemüsegarten, mit rauhen, runzeligen Händen. Immer für die Familie im Einsatz. Nie gejammert. Während mein Opa die Nachbarinnen besucht und beglückt hat. Viele von denen waren Kriegswitwen und alleinstehend. Da gab es viel zu reparieren und Hand anzulegen.
Die Frauen in Deutschland hätten damals schon die Gelegenheit gehabt, sich zu emanzipieren. Die Trümmerfrauen hatten den Aufbau nach dem Bombenterror fast alleine gestemmt, die Männer waren entweder gefallen oder noch in Gefangenschaft, oder irgendwie kriegsversehrt . Aber die Gesellschaft  dachte noch in alten Schubladen.  „ ein Mann ist ein Mann, auch wenn er auf der Bettkante sitzt und hustet“. Was ein Quatsch. Der Herr im Haus hatte das Sagen, fasste Beschlüsse alleine, egal ob es um Anschaffungen ging oder die Ausbildung der Kinder. Viele Kinder wurden in Schulen oder Berufe gepresst, egal ob ihnen das lag. Papa hat’s beschlossen. Ferdisch. Mutti surfe nur abnicken und fleißig sein.
Frauen dürften noch nicht einmal einem Beruf nachgehen, ohne das Einverständnis des Ehemanns. Oder gar ein Konto eröffnen, nix da.
Adenauer war Kanzler, Ehrhardt war Wirtschaftsminister. Im Kabinett war Elisabeth Schwarzhaupt die erste und einzige Ministerin, Kinder, Familie und Gesundheit, was sonst. Deutschland war zerteilt, in Sektoren. Zum Glück waren wir im richtigen Teil des Landes.
Als Kind in den Nachkriegsjahren auf dem Land aufzuwachsen, hatte was. Viel frische Luft. Alle Leute kennen sich, oder sind miteinander verwandt. Die Großstadt ist weit weg mit ihrem Trubel und den neumodischen Sachen. Es fahren wenige Autos durchs Dorf. Wenn sich ein Fremder hierher verirrte, wusste bald jeder, wer das ist und was der hier will. Meist waren es Handlungsreisende, Vertreter, für Staubsauger, Versicherungen, Bekleidung, Haushaltswaren. Der Neckermannkatalog, oder der von Otto, brachten uns die Shoppingmeile ins Haus. Der Chef von Neckermann war auch noch Olympiareiter, immer chic mit Zylinder. Er sah seinem Pferd sehr ähnlich, das gleiche Gesicht.
Alles andere gab es im Dorf. Die Bauern lieferten die Lebensmittel. Milch, Eier und Kartoffeln holte man direkt beim Bauern, Gemüse auch, soweit man keinen eigenen Gemüsegarten hatte. Der Metzger schlachtete noch selbst und verwurschtete  alles. Der Bäcker backte das Brot in der Frühe. Für den Rest gab es einen kleinen Laden. Die hatten die Butter, Waschpulver, Nähzeug, Wolle, Hosengummis und Süßigkeiten. Mehr brauchten man nicht. Wir waren autark. 

Als ich eingeschult wurde, musste ich das warme Nest zu Hause verlassen. Als Einzelkind war ich immer der Mittelpunkt und behütet, ich musste mich keinen Geschwistern anpassen und konnte meine Großeltern herumschicken. Es gibt da ein Kinderlied : ,,diese Oma, die ist meine, kann ich hüpfen lassen wie und wo ich will‘‘. Genau das hab ich gemacht. Meine Oma war immer mit irgendwas zu essen oder einem Glas Milch hinter mir her. Das arme Kind ist zu dünn. In jede Speise wurde ein Extralöffel Butter reingeschummel. Das war der Grundstock für meine spätere Rubensfigur. Mein Opa ist auch nach meiner Pfeife gesprungen aber nicht so offensichtlich. Ihm habe ich mich freiwillig angepasst, um immer dabei zu sein, wenn er unterwegs war. Oft sind wir an einem Wasserhäuschen ( für Nichthessen, das ist ein Kiosk ) vorbeigekommen und Opa musste der Frau kurz was helfen ........Ich bekam die Wartezeit mit Ahoibrause und Butterfinger, oder einem Mickey Mouse Heft verkürzt. Die beiden haben schwer geschafft, innen im Wasserhäuschen, die haben immer viel gestöhnt und geächzt. Einmal hab ich das Oma erzählt, da hat die komisch geschaut. Danach sind wir da gar nicht mehr hingegangen. Keine Brause, keine Butterfinger mehr, schade.

Morgen geht es weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

  Mittwoch, 04.02.2026, Dahaaam, Wieder sind wir recht früh unterwegs. Das Hotel kann man wirklich empfehlen, das Frühstück war sehr abwechs...